Einfallstor für Mobbing: Pfarrdienstgesetz

Am 25. April 2016 wurde beim Lutherischen Klassentag (der Kreissynode der lutherischen Gemeinden in der Lippischen Landeskirche) ein Vortrag von Sabine Sunnus vorgelesen mit dem Titel: „Mobbing in der Evangelischen Kirche“. Nach einer Erörterung der Frage, was „Mobbing“ ist und wie es heute definiert wird, sowie nach einer längeren allgemeinen Einführung, wie „Mobbing am Arbeitsplatz“ verläuft, wurde das Thema „Mobbing in der Evangelischen Kirche“ dargestellt. Hier wurde der irritierende Sachverhalt aufgezeigt, dass anders als in anderen Institutionen ausgerechnet das Regelwerk der Kirche selbst, das Pfarrdienstgesetz, als „Einfallstor für Mobbing“ bezeichnet werden muss:

„Wenn man jetzt das eben Gehörte als Folie über das Mobbing-Prozedere in der evangelischen Kirche legt, sieht man den immer gleichen roten Faden im Fortlauf, aber auch gravierende Unterschiede – nicht nur in Bezug auf kirchenspezifische Inhalte, sondern vor allem im institutionellen Rechtsverständnis und dem Umgang mit dem Recht. In Teilen ihrer Rechtsauffassung entspricht die Kirche nicht der „für alle geltenden“ Rechtsstaatlichkeit.

Das wird deutlich im Pfarrdienstgesetz der EKD und der Landeskirchen am – früher so genannten –  „Ungedeihlichkeitsparagrafen“ (jetzt nach der EKD-Überarbeitung des Pfarrdienstrechtes im Jahr 2010 umständlicher als „nachhaltige Störung in der Wahrnehmung des Dienstes“ formuliert.) In § 79 wird gesagt, dass Pfarrpersonen „versetzt“, d.h. aus ihrer Gemeinde abberufen werden können, wenn „ein besonderes kirchliches Interesse“ vorliegt. Und dieses liegt –  „ …  insbesondere vor, wenn (Abs. 5)  … in ihrer bisherigen Stelle oder ihrem bisherigen Auftrag eine nachhaltige Störung in der Wahrnehmung des Dienstes … festgestellt wird.“

Was das sein soll, beschreibt §80 (1): …

Und dann folgt der Satz, der es in sich hat: „Die Gründe für die nachhaltige Störung müssen nicht im Verhalten oder der Person der Pfarrerin oder des Pfarrers liegen.“

Dieser Satz klingt gut und ist doch folgenschwer. Denn er besagt, dass die Gründe für einen Gemeindekonflikt oder den behaupteten Vertrauensentzug von Kirchenältesten nicht nachgefragt werden müssen, da sie völlig gleichgültig sind. Im Begründungstext der EKD zu diesem § 80 heißt es denn auch:

„Die Versetzung ist auch dann zulässig, wenn die Gründe für die Zerrüttung nicht in dem Verhalten der Pfarrerin oder des Pfarrers liegen; … Eine Prüfung der Frage, wer oder was der derzeitigen Pfarrerin oder dem derzeitigen Pfarrer die gedeihliche Führung des Pfarramts unmöglich gemacht hat, verbietet sich im Allgemeinen, weil diese Frage als solche unerheblich ist.“

 Und genau das ist das Einfallstor für Mobbing aller Art! Eine Clique in einer Gemeinde braucht nur einen Konflikt zu inszenieren oder einige den Ton angebende Personen in einem KV müssen nur behaupten, dass sie zum amtierenden Pfarrer kein Vertrauen haben. Und schon ist diese Pfarrperson, wenn die Kirchenleitung oder der zuständige Sup. mitspielen, einem Abberufungsverfahren ausgesetzt. …“

Der volle Wortlaut des Vortrags kann hier nachgelesen werden.

Vortrag und Aussprache beim Lutherischen Klassentag haben in der Presse ein erstaunliches Echo ausgelöst. Zum ersten Mal wurde öffentlich, nämlich in einem Kommentar der Lippischen Landeszeitung, gefordert, dass dieser kirchliche Paragraph abgeschafft werden müsse.

Siehe unten das zweitletzte Kapitel dieser Home-Page „Der Blick der Öffentlichkeit“.